Fashion Intelligence Series | Modul 1 von 6

Vororder-Optimierung:
Bestellen mit Daten statt Bauchgefühl

Wie ein Two-Stage-Modell (LightGBM + LSTM) aus Trend-Signalen, Messe-Orders und Wetterdaten die Vororder-Genauigkeit um 42% verbessert — und nach 2 Wochen In-Season die Prognose nochmals halbiert.

01 Das Problem — Bestellen ins Ungewisse, 6 Monate vor Saisonstart

Warum 35% der Jeans am Ende im Sale landen

Ein Fashion-Unternehmen mit 1.800 SKUs (Jeans, T-Shirts, Hemden, Hoodies) muss seine Vororder 6–8 Monate vor Auslieferung bei den Produktionsstandorten platzieren. Zu diesem Zeitpunkt existieren weder Wetterdaten noch Abverkaufszahlen für die kommende Saison — nur Musterteile, Einkäuferbauchgefühl und Vorjahresvergleiche.

Das Ergebnis: 35% der Ware wird am Ende der Saison zu Markdown-Preisen verkauft (Ø 42% Rabatt). Gleichzeitig sind 12% der Bestseller bereits Mitte Saison ausverkauft — und Nachproduktion ist bei 8–12 Wochen Lead-Time keine Option. Zwischen Overstock und Stockout liegt der Sweet Spot, den nur Daten treffen können.

Historische Orders
Trend-Signale
Demand Model
Vororder-Empfehlung
In-Season Adjustment

02 Datengrundlage — 4 Saisons, 1.800 SKUs, 18 Märkte

Was Ihr Warenwirtschaftssystem bereits über Ihre Kunden weiß

▸ Output
Dataset: 1.800 SKUs × 18 Märkte × 4 Saisons = 129.600 Datenpunkte
Vororder-Volumen: 3,2 Mio. Stück/Saison, Ø UVP €72
↳ Die Vororder-Falle

Der Einkauf muss im Januar die Sommerware für August bestellen — ohne zu wissen, ob der Sommer heiß wird, ob Wide-Leg-Jeans weiter boomen oder ob ein TikTok-Trend im März alles umwirft. Klassische Vororder basiert auf Vorjahr +/- 10%, angereichert mit Einkäufermeinung. Das reicht nicht mehr.

03 Explorative Analyse — Wo die Vororder daneben liegt

Die Muster, die Ihr Einkauf kennt — aber nicht quantifizieren kann

Vororder-Genauigkeit nach Kategorie — Ø Abweichung vom tatsächlichen Abverkauf (%)
↳ Trend-Kategorien sind das Problem

Wide-Leg-Jeans haben eine Vororder-Abweichung von 48% — fast jede zweite Einheit wird falsch geplant. Der Grund: Trend-getriebene Artikel haben keine stabile Vorjahresbasis. Basic-T-Shirts dagegen weichen nur 12% ab — hier funktioniert die Vorjahreslogik. Das Modell muss also kategorie-spezifisch arbeiten, nicht mit einer Einheitsmethode.

Overstock vs. Stockout nach Markt — Saison SS24

04 Feature Engineering — Was die Vororder besser macht

Externe Signale, die 6 Monate vor Saisonstart bereits existieren

▸ Output
Vororder: 12 Features · In-Season: 4 Features

Der Clou: Das Modell arbeitet in zwei Stufen. Stufe 1 (Vororder, 6 Monate vorher) nutzt die 12 langfristigen Signale. Stufe 2 (In-Season Adjustment, ab Woche 2) korrigiert die Vororder anhand der ersten echten Abverkaufsdaten — und empfiehlt Umverteilungen zwischen Märkten, Flash-Nachproduktion oder frühzeitige Markdowns.

05 Modell — Two-Stage Demand Prediction

Vororder-Empfehlung + In-Season Korrektur in einem System

18.4%
WAPE Vororder (Stage 1)
11.2%
WAPE In-Season (Stage 2)
42%
Besser als Einkäufer-Baseline
31.8%
WAPE (Einkäufer aktuell)
↳ Two-Stage-Effekt

Die Vororder allein (Stage 1) ist bereits 42% genauer als die aktuelle Einkäufermethode. Aber der echte Hebel ist Stage 2: Nach nur 2 Wochen Abverkaufsdaten korrigiert das LSTM die Prognose auf 11.2% WAPE — und ermöglicht rechtzeitige Umverteilungen. Ein Bestseller in München, der in Hamburg schwächelt? Das System erkennt es in Woche 2 und verschiebt 200 Stück.

Forecast-Genauigkeit: Einkäufer vs. Stage 1 vs. Stage 2 (nach Kategorie)

06 Business Impact — Die Vororder-Rechnung

Was bessere Vororders in Euro bedeuten

35% → 21%
Overstock-Rate
12% → 6%
Stockout-Rate
€18,4M
Jährl. Margenverbesserung
2 Wochen
In-Season Korrekturzeit
Overstock & Stockout — Aktuell vs. Two-Stage-Modell
KategorieStück/SaisonOverstock aktuellOverstock ModellEinsparungHebel
Jeans Wide Leg (Trend)320.00048%26%€2,4MTrend-Signale via Social
T-Shirt Graphic256.00042%24%€1,1MPinterest Save Rate
Hoodie384.00031%19%€0,9MWetter-Langzeitprognose
Jeans Slim Fit (NOS)704.00018%12%€1,4MCarry-Over-Stabilität
T-Shirt Basic (NOS)576.00012%8%€0,6MIn-Season Umverteilung
↳ Die konservative Rechnung

Selbst bei 50% des theoretischen Potenzials sind das €9,2M zusätzliche Marge pro Jahr. Der größte Hebel liegt bei den Trend-Kategorien (Wide Leg, Graphic Tees): Hier ist die aktuelle Planungsgenauigkeit am schlechtesten, und die externen Signale (Google Trends, Social Media) liefern den meisten Mehrwert.

07 Nächste Schritte

Von der Analyse zur Implementierung

① Rückblick-Analyse

Ihre letzten 4 Saisons durch das Modell laufen lassen. Hätte das Modell die Vororder besser getroffen? Backtesting mit echten Zahlen.

② Pilot: 100 SKUs

Nächste Saison: Vororder für 100 Fokus-SKUs mit Modell-Empfehlung vs. 100 SKUs ohne. A/B-Vergleich nach Saisonende.

③ In-Season Dashboard

Ab Woche 2: Live-Abgleich Vororder vs. Abverkauf. Automatische Empfehlungen für Umverteilungen, Flash-Nachproduktionen, frühe Markdowns.